Mehr Sole, bessere Tauwirkung

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Winterdienst c EuroKommunal Österreich ist auf dem Gebiet der Winterdienstforschung und bei neuen Technologien federführend. Was sich in den letzten Jahren getan hat, warum weniger Salz besser wirkt und wozu es Normen für Soleaufbereitungsanlagen und für Streusalz braucht, können Sie auf den nächsten Seiten nachlesen. EuroKommunal hat Josef Neuhold, einen Experten auf dem Gebiet des Winterdienstes zum Gespräch gebeten und für Sie Erkenntnisse und Neuerungen zusammengefasst.

 

 

„Bei der differenzierten Feuchtsalzstreuung – das heißt, dass situationsgerecht Soleanteile zum Trockensalz gemischt werden – sind wir europaweit Vorreiter", berichtet Josef Neuhold vom Amt der Niederösterreichischen Landesregierung. Ein Grund dafür ist, dass in Österreich viel in die Forschung auf diesem Gebiet investiert wird. So konnten bereits zwei Studien zum Winterdienst abgeschlossen werden, eine dritte ist derzeit noch im Laufen.

 

War vor einigen Jahren noch die Streuung mit FS 30 (also 30 Prozent Sole mit 70 Prozent Trockensalz) Stand der Technik, so ist es heute FS 50, also zu gleichen Teilen Salz und Sole). Die Einsparungen sind enorm: Gegenüber der FS 30- Streuung kann mit FS 50 rund 20 Prozent Salz eingespart werden, mit FS 70 (70 Prozent Sole mit 30 Prozent Trockensalz) sogar 40 Prozent. Mit diesen Einsparungen bei den Salzkosten amortisieren sich die zusätzlichen Investitionen für Salzlöseanlagen und Soletanks im Regelfall in drei Winterperioden. Selbstverständlich bei gleicher Tauleistung und ohne Einschränkung bei der Sicherheit auf der Straße.

 

Josef Neuhold, der auch Leiter der Arbeitsausschusses Winterdienst in der FSV ist, erklärt warum: „Restsalzmessungen haben gezeigt, dass bei der FS 50-Streuung nach einer halben Stunde zumindest gleich viel Salz auf der Fahrbahn liegt wie bei FS 30. Der Grund dafür liegt im höheren Flüssiganteil, denn der Trockenanteil geht rasch verloren. Einerseits entstehen die Verluste schon beim Ausbringen, andererseits auch durch Verwehungen, die fahrende Fahrzeuge auf der Straße erzeugen. Man kann also sagen, dass das Ausbringen von mehr Salz nicht immer bedeutet, dass es mehr bringt. Die FS 50–Streuung ist daher in einer Reihe von Bundesländern bereits zum neuen Winterdienststandard geworden."

 

Salzstreuung bei allen Temperaturen
Sehr viel gebracht hat ein wissenschaftliches Forschungsprojekt zum Gefrierverhalten von Salz von der TU Wien im Auftrag der FSV (Forschungsgesellschaft Straße-Schiene-Verkehr), den neun Bundesländern, der ASFINAG und dem Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie (bmvit). „Die Kenntnis über das Gefrierverhalten von Salz hat uns viel Sicherheit gegeben", erklärt Josef Neuhold, „eine Natriumchloridsole mit 18-prozentiger Sättigung hat eine Gefriertemperatur von -14 Grad Celsius, mit 20-prozentiger Sättigung kommt man auf -16 Grad, und bei 22-prozentiger Sole wird ein Gefrierpunkt von -18 Grad Celsius erreicht. Man kann also bei sehr tiefen Temperaturen durchaus ‚normale' Sole streuen, ohne dass es zur Bildung von Glatteis kommt", so der Experte.

 

Bis vor einigen Jahren hat es geheißen, dass bei sehr tiefen Temperaturen Calzium- oder Magnesiumchloridsole gestreut werden müsse, um der Bildung von Glatteis vorzubeugen. Es stimmt zwar grundsätzlich, dass diese beiden Stoffe einen niedrigeren Gefrierpunkt als Natriumchlorid haben, aber nur dann, wenn sie alleine – also ohne Beimengung zum Natriumchlorid – angewandt wird. Die kleinen Masseanteile des Calziumchlorid verändern bei einer FS 30-Streuung wegen der deutlich höheren Masseanteile des Natriumchlorids nur unwesentlich den Gefrierpunkt. Es kostet nur mehr Geld, aber es wird keine bessere Wirkung erzielt. Abgesehen davon braucht man für Calzium- oder Magnesiumchlorid getrennte Lagerstationen", sagt Neuhold, der CaCl und MgCl aus diesen Gründen in Niederösterreich nicht mehr verwendet.

 

Sole im Vormarsch
Für Salzlösestationen, auch Soleaufbereitungsanlagen genannt, werden momentan auch eigene europäische Normen erarbeitet. Die letzte Sitzung dazu fand im September 2017 in Salzburg statt. „Derzeit arbeitet der europäische Normungsausschuss an Qualitätsanforderungen und Leistungsstandards für Salzlösestationen" sagt Josef Neuhold, der ebenfalls Mitglied dieses Ausschusses ist. „Die Anforderungen an diese Anlagen haben durch die neue Streutechnik an Bedeutung gewonnen, da mittlerweile allgemein höhere Soleanteile bis hin zur reinen Flüssigstreuung – etwa zur Präventivstreuung vor einem Niederschlagsereignis – ausgebracht werden. Und hier brauchen wir Standards, um Soleaufbereitungsanlagen ordnungsgemäß ausschreiben und vergleichen zu können", so Neuhold. Bei diesen Standards geht es unter anderem darum, wie lange es dauert, die Sole zu produzieren oder den Soletank des LKWs zu befüllen. „Die Salzlösestationen sind in den letzten Jahren so wichtig geworden, dass man sich auf Normen einigen muss, nach denen ausgeschrieben und die dann auch eingefordert werden können", erklärt Experte Neuhold.

 

Höchste Qualitätsstandards für Streusalz
Eine neue europäische Norm für Streumittel wurde erst kürzlich erlassen. Die Norm sieht grundsätzlich einen Reinheitsgrad von 90 Grad für das Streusalz vor – was für Österreich eindeutig zu wenig war. „Wir haben uns dagegen gewehrt, weil wir hochwertigeres Streusalz in Österreich gewohnt sind und auch haben wollen. In der schlechteren Salzqualität ist zu viel „taubes Material" enthalten, das wir weder in der Lösestation noch auf der Straße brauchen können", erzählt Neuhold. Gegen die niedrigeren Standards waren auch die Länder Deutschland und Frankreich. Gelöst wurde das Problem dann so, dass zu dieser Norm nationale Anhänge verfasst werden durften, in der sowohl für den NaCl-Gehalt als auch für den Sulfatgehalt die jeweiligen Länder höhere Qualitätsanforderungen festlegen konnten. So ist für Österreich nun ein Reinheitsgrad von 97,5 Prozent NaCl im Streusalz vorgeschrieben. „Wir haben trotz europäischer Normung erreicht, dass es in Österreich zu keinem Qualitätsverlust beim Einsatz auftauender Streumittel im Winterdienst kommt", freut sich Neuhold, der das Ergebnis mitverhandelt hat. Die neue europäische Richtlinie wurde auch in der aktuellen RVS 12.04.16 „Streumittel", die die Anforderungen an auftauende und abstumpfende Streumittel festlegt, festgehalten.

 

Handbuch für den Winterdienst
Das ganze theoretische Wissen über Gefrierpunkte von Salz- und Salzlösungen oder Mischverhältnisse von Salz und Sole bei unterschiedlichen Wetterbedingungen muss natürlich auch praxisnah auf der Straße umgesetzt werden können. Um das zu erreichen wurden die Erkenntnisse und Standards für den Winterdienst in Niederösterreich in einem neuen Handbuch zusammengefasst.

 

Das „NÖ Handbuch Winterdienst" ist ein Nachschlagewerk für jede Straßenmeisterei und auch Grundlage für die Winterdienstschulungen im Bundesland Niederösterreich. Darin sind etwa Streuempfehlungen und Restsalzverhalten, Streubild, Auswertung von Wetterdaten, Gefrierkurve, aber auch rechtliche Grundlagen genau erklärt.

 

„Gleichzeitig haben wir einen kurzen „Leitfaden Winterdienst" mit den aktuellen Streuempfehlungen für den neuen Standard FS50 erstellt. Diesen Leitfaden bekommt jeder Fahrer, den er im LKW mitführen kann. Hier ist genau beschrieben, wie FS 30, FS 50 und FS 70 gestreut werden muss und jeder Lenker kann sich mit Hilfe von Tabellen ganz leicht ausrechnen, wie weit er bei verschiedenen Streumengen pro Quadratmeter mit einer Ladung Salz und Sole kommt. Dazu haben wir in den Leitfaden Tabellen für alle in Niederösterreich im Einsatz befindlichen Streuautomaten integriert", erzählt Neuhold.

 

Erfahrungen der LKW-Fahrer
„Nach dem letzten Winterdienst haben wir einen Workshop mit unseren Lenkern veranstaltet, bei dem wir erhoben haben, welche Erfahrungen sie mit unseren Streuempfehlungen bereits gemacht haben und welche Verbesserungsvorschläge sie gerne einbringen würden. All das haben wir in die neue Version einfließen lassen", so Josef Neuhold.

 

Der Schneepflug ist das Um und Auf im Winterdienst
Winterdienst ist aber nicht nur die richtige Streuung von Salz, von wesentlicher Bedeutung ist eine gute Räumung mit dem Schneepflug. Welche Anforderungen ein Schneepflug erfüllen muss, ist Teil eines neuen Forschungsprojekts mit dem Titel „Wirkmodell Streuung-Räumung-Restsalzmengen", das im Herbst 2018 abgeschlossen sein soll. Durchgeführt wird es im Auftrag des FSV-Arbeitsausschuss-Winterdienst von der TU Wien. Die Finanzierung übernehmen wieder die neun Bundesländer, die ASFINAG und das bmvit. Bei dem Projekt geht um drei für den Winterdienst relevante Punkte: Die Gefrierkurven von Salzlösungen in unterschiedlichen Konzentrationen insbesondere bei tieferen Temperaturen, das Restsalzverhalten in ein wissenschaftliches Modell zu bringen, um für künftige Streumaßnahmen Prognosen erstellen zu können und schließlich um die Räumqualität unterschiedlicher Schneepflugmodelle.

 

Für die erstmalige wissenschaftliche Untersuchung von Schneepflügen wurden die Straßenmeistereien in ganz Österreich über die verwendeten Pflugtypen, die Nutzungsdauer von Schürfleisten und dergleichen befragt. In einem zweiten Schritt, der in den nächsten Monaten folgt, werden Feldversuche gefahren um herauszufinden, wie möglichst viel Schnee von der Fahrbahn gebracht werden kann. „Ziel ist es, Parameter zu finden, um die erreichten Räumqualitäten unterschiedliche Schneepflugtypen bestimmen und schlussendlich vergleichen zu können", sagt Josef Neuhold. Denn die Grundlage für sichere Straßen ist eine gute Räumung!

 

 

Fotos:
Portrait Neuhold © Amt der NÖ Landesregierung

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